MeetGreen Dialogforum mit Dr. Jobst Paul

MeetGreen Dialogforum mit Dr. Jobst Paul
MeetGreen Dialogforum mit Dr. Jobst Paul

Am 8. November 2024 fand im Rahmen der MeetGreen-Veranstaltungsreihe der LAG Muslim*innen eine Vortragsveranstaltung statt, die sich mit den zunehmenden Gefahren des christlichen Fundamentalismus im politischen Raum befasste. Besonders wurden die Entwicklungen in den USA und deren Auswirkungen auf Europa und Deutschland beleuchtet.


„Die Macht des christlichen Fundamentalismus und sein extremistisches Potenzial

mit Dr. Jobst Paul vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung.


Der Vortrag begann mit einem Hinweis auf ein im letzten Jahr abgeschlossenes Kurzgutachten für das BICC in Bonn, das darauf aufmerksam macht, dass das Thema christlicher Fundamentalismus von Regierungen und Parlamenten bislang stark vernachlässigt wird – trotz der zunehmenden Bedrohung demokratischer Strukturen.

Öffentliche Aufmerksamkeit und politische Reaktion

Während es in den letzten Jahren eine Vielzahl an wissenschaftlichen und journalistischen Untersuchungen zu diesem Thema gab, mangelt es an staatlicher und politischer Auseinandersetzung. Ein Beispiel hierfür ist das einzige von der EU geförderte Forschungsprojekt, das eine enge Verbindung zwischen US-amerikanischen Evangelikalen und der Russisch-Orthodoxen Kirche vor dem Ukrainekrieg aufdeckte. Trotz dieser alarmierenden Erkenntnisse blieb die politische Reaktion verhalten.

Es wurde erläutert, dass die deutsche Politik das Problem seit Jahrzehnten eher marginal behandelt. Erste staatliche Berichte aus den 1970er und 1980er Jahren konzentrierten sich primär auf die Auswirkungen von Sekten auf Kinder und Jugendliche. Erst Ende der 1990er Jahre wurden antidemokratische Tendenzen christlich-fundamentalistischer Gruppen als potenzielle Gefahr für die Demokratie erkannt – jedoch ohne Konsequenzen. Bis heute gibt es keine systematische politische Auseinandersetzung oder institutionelle Forschungsförderung zu diesem Thema.

Strukturen und Strategien christlich-fundamentalistischer Gruppen

Es wurden zahlreiche Beispiele für das Wachstum fundamentalistischer christlicher Gruppen in Europa vorgestellt. Megakirchen, insbesondere aus den USA, expandieren gezielt nach Europa und Deutschland, wobei sie nach dem Schneeballsystem Filialgründungen betreiben. Sie verfolgen dabei ein Programm, das auf eine Rückkehr zu patriarchalisch-autoritären Gesellschaftsstrukturen abzielt.

Wichtige Aspekte dieser Bewegung sind:

  • Massenveranstaltungen mit Erweckungscharakter zur Mitgliedergewinnung,
  • Immobilienkäufe zur Schaffung abgeschlossener Gemeinschaften,
  • Der Aufbau fundamentalistischer Bildungsstrukturen,
  • Einflussnahme auf die Justiz durch gezielte juristische Auseinandersetzungen.

Ein zentrales Element ist die finanzielle Unterstützung durch wohlhabende Spender – sogenannte „Oligarchen“ – die durch hohe Geldbeträge konservative und restaurative politische Programme fördern. Zwischen 2009 und 2018 flossen über 700 Millionen US-Dollar in fundamentalistische Bewegungen mit explizit anti-emanzipatorischer Agenda.

Internationale Netzwerke und politische Einflussnahme

Der Vortrag machte deutlich, dass sich fundamentalistische Gruppen weltweit vernetzen. Besonders alarmierend ist die frühere enge Zusammenarbeit zwischen US-amerikanischen Evangelikalen und der Russisch-Orthodoxen Kirche. Diese Allianzen dienten der ideologischen Einflussnahme gegen den „dekadenten Westen“. Auch nach dem russischen Überfall auf die Ukraine bleiben die evangelikalen Netzwerke aktiv, wenn auch ohne offizielle russische Beteiligung.

Ein besonders besorgniserregender Akteur ist die Organisation Alliance Defending Freedom (ADF), die durch gezielte juristische Strategien Präzedenzfälle schafft, um demokratische Errungenschaften zurückzudrängen. Ihr Vorgehen in den USA hat maßgeblich zur Aufhebung des Abtreibungsrechts beigetragen. Diese Strategien werden nun auch in Deutschland und Europa angewandt.

Politische Reaktion und europäische Perspektive

Die Bundespolitik hat sich seit über 20 Jahren nicht ernsthaft mit der Gefahr des christlichen Fundamentalismus auseinandergesetzt. Parlamentarische Anfragen werden häufig mit Verweis auf Geheimhaltung und Verfassungsschutz nicht beantwortet, während Forschungsförderung fehlt und es an effektiven Beobachtungsinstitutionen mangelt.

Ein Lichtblick ist die Resolution des Europäischen Parlaments aus dem Mai 2023, die erstmals explizit auf die ausländische Finanzierung fundamentalistischer Bewegungen und deren demokratiegefährdende Auswirkungen hinweist. Das Parlament forderte die Mitgliedstaaten auf, Maßnahmen gegen diese Entwicklungen zu ergreifen.

Fazit und Ausblick

Abschließend wurde die Notwendigkeit einer entschlossenen politischen Auseinandersetzung mit dem Thema betont. Ohne eine systematische Erforschung und Bekämpfung dieser Strukturen droht die schleichende Unterwanderung demokratischer Institutionen. Es sei dringend erforderlich, dass sich die Bundesregierung auf europäischer Ebene den Forderungen des EU-Parlaments anschließt und konkrete Maßnahmen zum Schutz der Demokratie ergreift.

Der Vortrag bot einen tiefgehenden Einblick in die Verflechtungen und Strategien des christlichen Fundamentalismus und verdeutlichte die dringende Notwendigkeit politischen Handelns. Die anschließende Diskussion zeigte, dass ein starkes Interesse an der weiteren Beschäftigung mit diesem Thema besteht.